Das EU-Parlament hat sein Mandat zum digitalen Euro beschlossen. Für Bewohnerinnen und Bewohner ohne eigenes Bankkonto bleibt Bargeld trotzdem unverzichtbar für die digitale Teilhabe.

Das EU-Parlament hat am 9. Juli 2026 sein Verhandlungsmandat zum digitalen Euro angenommen, mit 416 zu 169 Stimmen bei 22 Enthaltungen. Für einen Teil der Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeeinrichtungen, Wohngruppen und Werkstätten ändert das kaum etwas: sie besitzen kein eigenes Bankkonto. Digitaler Euro und Bargeld existieren für sie nebeneinander, nicht als Ersatz füreinander.
In der stationären Pflege, der Eingliederungshilfe und der Kinder- und Jugendhilfe verwaltet die Einrichtung das Geld ihrer Klientinnen und Klienten treuhänderisch: als Verwahrgeld, Barbetrag oder Taschengeld. Ein eigenes Girokonto ist dabei die Ausnahme, nicht die Regel. Wer sein Geld nicht selbst kontoführt, kann auch keine App für digitales Zentralbankgeld öffnen. Die Debatte um den digitalen Euro läuft an dieser Gruppe faktisch vorbei, während der Verwaltungsaufwand für Barmittel in den Einrichtungen weiter wächst. Steigende Pflegekosten treiben zusätzlich die Zahl der Menschen, die auf Unterstützung durch das Sozialamt angewiesen sind: Nach vdek-Zahlen kletterte der monatliche Eigenanteil im ersten Heimjahr im Juli 2026 auf durchschnittlich 3.364 Euro, ein Plus von 256 Euro gegenüber dem Vorjahr. Wer den Eigenanteil nicht mehr selbst tragen kann, rutscht in die Hilfe zur Pflege, und das Sozialamt übernimmt die Differenz. Die Zahl der treuhänderisch geführten Konten pro Einrichtung wächst damit, nicht die Zahl der eigenen Bankkonten.
Das EU-Parlament positioniert den digitalen Euro ausdrücklich als Ergänzung zum Bargeld, nicht als Ersatz. Parallel zur Verordnung stärkt die EU den rechtlichen Rahmen für Bargeld als verbindliches gesetzliches Zahlungsmittel. Für Träger heißt das: Die Pflicht zur sauberen Barmittelverwaltung verschwindet nicht, sie verschärft sich eher. Mehr Bewohnerinnen und Bewohner ohne eigenes Konto, höhere Eigenanteile, mehr Barbeträge, die dokumentiert, verwahrt und nachgewiesen werden müssen. Digitalisierung und physisches Bargeld sind hier keine Gegensätze: Die eine löst das Zahlungsproblem der Gesamtgesellschaft, das andere bleibt die Zugangsbrücke für Menschen, die aus dem Bankensystem herausfallen. Prüfungen der Heimaufsicht und des Medizinischen Dienstes nehmen genau diese Schnittstelle ins Visier: lückenlose Kassenführung, nachvollziehbare Ein- und Auszahlungen, revisionssichere Dokumentation. Ein digitaler Euro löst dieses Compliance-Problem nicht, er verlagert es höchstens. Wohlfahrtsverbände wie die Diakonie fordern deshalb seit Januar 2026 öffentlich, Bargeld als verlässlichen Zugangsweg zu erhalten, gerade für Menschen ohne digitale Teilhabe am Zahlungsverkehr.
Der Ausweg liegt nicht im digitalen Euro, sondern in der digitalen Verwaltung des vorhandenen Bargelds. Virtuelle Konten pro Klientin oder Klient, lückenlose Belegerfassung und ein zentrales Treuhandsammelkonto lösen genau das Problem, das der digitale Euro für diese Zielgruppe nicht löst: Nachvollziehbarkeit ohne eigenes Bankkonto. Als Zahlungsinfrastruktur für die deutsche Sozialwirtschaft bildet Parto Verwahrgeld, Barbetrag und Taschengeld revisionssicher ab, ohne dass Bewohnerinnen und Bewohner selbst ein Konto eröffnen müssen. Wie digitale Teilhabe in der Wohngruppe praktisch aussieht, haben wir im Artikel zur digitalen Teilhabe in der Wohngruppe beschrieben. Träger, die jetzt auf digitale Barmittelverwaltung umstellen, sind für die nächste Prüfung durch Heimaufsicht oder Medizinischen Dienst vorbereitet, unabhängig davon, wie schnell der digitale Euro am Ende kommt.
Der digitale Euro löst ein anderes Problem als das der Sozialwirtschaft. Die eigentliche Aufgabe liegt tiefer: Bargeld bleibt gesetzliches Zahlungsmittel, Barmittelverwaltung bleibt Pflicht, und beides trifft auf immer mehr Bewohnerinnen und Bewohner ohne eigenes Konto. Digitalisierung und Bargeld schließen sich nicht aus. Wer die Verwaltung des vorhandenen Geldes jetzt digitalisiert, ist unabhängig davon vorbereitet, wie der Trilog zum digitalen Euro am Ende ausgeht.