16.4.2026

Mehr Teilhabe durch Parto: Caritasverband Coesfeld und Parto in der Eingliederungshilfe

Ein Modellprojekt zeigt, wie assistive Technologien und digitale Geldverwaltung den Alltag in der Eingliederungshilfe gleichzeitig entlasten und selbstbestimmter machen.

Weniger Bürokratie, mehr Zeit für Menschen – und Technik, die Selbstbestimmung nicht einschränkt, sondern ermöglicht. Der Caritasverband für den Kreis Coesfeld e.V. hat sich auf den Weg gemacht, diesen Anspruch im Alltag seiner Wohnhäuser konkret umzusetzen. Digitale Zahlungssysteme, Sprachsteuerung, intelligente Türtechnik: Was vor wenigen Jahren noch nach Zukunftsvision klang, wird in Nordkirchen und Lüdinghausen Wirklichkeit.

Digitalisierung als Haltung, nicht als Projekt

Der Caritasverband Coesfeld verfolgt seit 2019 einen konsequenten Kurs: Digitale Lösungen sollen nicht als technischer Selbstzweck eingeführt werden, sondern dort ansetzen, wo der Alltag tatsächlich reibt. Für Mitarbeitende bedeutet das: weniger Verwaltung, mehr Begleitung. Für Klientinnen und Klienten: mehr Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe.

„Unser Anspruch ist es, mithilfe moderner Technologien optimale Rahmenbedingungen für den Arbeitsalltag unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie für den Betreuungsalltag unserer Klientinnen und Klienten zu schaffen", formuliert André Bußkamp, Ressortleitung Beratung & Wohnen, den Maßstab.

Dieser Anspruch ist kein strategisches Lippenbekenntnis. Er ist an zehn Standorten in Nordrhein-Westfalen mit finanzieller Unterstützung der SozialstiftungNRW in die Praxis überführt worden – und das Wohnhaus Nordkirchen wurde als Modellstandort ausgewählt.

Das Problem dahinter: Bargeld in der Eingliederungshilfe

Wer in Einrichtungen der Eingliederungshilfe arbeitet, kennt den Aufwand. Gemeinsame Einkäufe werden manuell abgerechnet. Barkassen führen zu Fehlerquellen. Private Vorschüsse entstehen, weil keine andere Lösung vorhanden ist. Mitarbeitende dokumentieren Ausgaben handschriftlich, übertragen sie in Excel-Listen und reichen Belege in Ordnern ein.

Das betrifft unmittelbar das Verwahrgeld der Klientinnen und Klienten – also jene Gelder, die Einrichtungen treuhänderisch für die Menschen in ihrer Betreuung verwalten. Die Treuhandpflichten, die sich aus dem Bundesteilhabegesetz ergeben, sind klar. Die Realität in vielen Einrichtungen sieht dennoch oft anders aus: intransparent, fehleranfällig, schwer prüfbar.

Der Caritasverband Coesfeld hat diesen Zustand nicht hingenommen.

Parto im Wohnhaus: Digitale Geldverwaltung im Alltag

Im Oktober 2025 führte das Wohnhaus Nordkirchen das Parto-Bezahlsystem ein. Mitarbeitende erhalten VISA-Karten, mit denen sie das Verwahrgeld für Klienten digital verwalten. Gruppen- und Einzeleinkäufe werden direkt in der App abgewickelt, die Budgetzuordnung erfolgt im Anschluss automatisch. Online-Einkäufe im Auftrag der Klientinnen und Klienten sind datenschutzkonform und nachvollziehbar.

Was sich dadurch verändert, ist spürbar: kein manuelles Aufteilen von Kassenbelegen mehr, kein Ausgleich über private Mittel, keine Belegordner. Die Abrechnung von Verwahrgeld für Klienten geschieht digital, transparent und revisionssicher.

„Die Freude über die Möglichkeiten des Online-Geldtransfers ist groß", stellt André Bußkamp fest. Der Zeitgewinn kommt direkt dort an, wo er gebraucht wird: bei der Begleitung der Menschen.

Der wohl größte Mehrwert ist nicht die Technik selbst. Es ist die Zeit, die durch den Wegfall manueller Prozesse entsteht – und die Mitarbeitende wieder in die direkte Pflege und Begleitung investieren können.

Nächster Schritt: Klienten bekommen eigene Karten

Ab der zweiten Jahreshälfte 2026 sollen auch Klientinnen und Klienten, die über die nötigen Kompetenzen verfügen, eigene Parto-Karten erhalten. Damit geht das Modell über die reine Verwaltungsvereinfachung hinaus. Eigenes Geld selbst zu verwalten, eigenständig zu bezahlen – das ist eine Form von Teilhabe, die das Bundesteilhabegesetz ausdrücklich anstrebt.

Parto arbeitet parallel daran, die Anwendung so barrierefrei wie möglich zu gestalten. Das Ziel: digitale Selbstbestimmung nicht nur für die einfachsten Fälle, sondern für möglichst viele Menschen in der Eingliederungshilfe.

Technik, die den ganzen Alltag betrifft

Das digitale Bezahlsystem ist nur ein Baustein des Modellprojekts. Ab Frühjahr 2026 testet der Caritasverband Coesfeld zusätzlich Sprachsteuerung, die es Mitarbeitenden ermöglichen soll, Dokumentationen – Pflegeberichte, medizinische Werte – direkt vor Ort zu verfassen, gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten. Transparenz und Qualität der Dokumentation steigen, der Zeitaufwand sinkt.

Eine weitere Innovation ist bereits in Betrieb: Die intelligente Türsteuerung im Wohnhaus Lüdinghausen nutzt Gesichtserkennung und Ganganalyse, um freiheitsentziehende Maßnahmen zu reduzieren und gleichzeitig die Sicherheit zu gewährleisten. Wer das Haus verlassen darf, kann es tun. Wer Schutz braucht, bekommt ihn – ohne pauschale Einschränkungen.

„Wir zeigen, dass auch ein kleinerer Träger auf höchstem Niveau technischen Fortschritt mitgestalten kann", sagt André Bußkamp.

Was dieses Modell für die Branche bedeutet

Das Modellprojekt des Caritasverbandes Coesfeld versteht sich ausdrücklich als Blaupause. Wissenschaftlich begleitet von der Hochschule Niederrhein und der Evangelischen Hochschule Bochum, werden sowohl die Wirkungen auf Mitarbeitende als auch auf die Teilhabe der Klientinnen und Klienten systematisch untersucht.

Die Ergebnisse sollen am Ende allen Trägern zugänglich gemacht werden – über eine Abschlussveranstaltung der SozialstiftungNRW und einen öffentlichen Abschlussbericht.

Für Einrichtungen der Altenhilfe, der Kinder- und Jugendhilfe und der stationären Pflege stellen sich dabei dieselben Grundfragen: Wie wird Verwahrgeld für Klienten sicher, transparent und rechtskonform verwaltet? Wie lassen sich Treuhandpflichten erfüllen, ohne Mitarbeitende zu überlasten? Und wie entsteht aus Digitalisierung echte Teilhabe?

Das Beispiel Coesfeld liefert keine abstrakten Antworten. Es liefert gelebte Praxis.

Fazit

Der Caritasverband Coesfeld zeigt, dass Digitalisierung in der Eingliederungshilfe kein Luxusprojekt ist, sondern eine konkret umsetzbare Entscheidung. Mit der Einführung von Parto hat der Verband einen Schritt getan, der Mitarbeitende entlastet, Treuhandprozesse absichert und Klientinnen und Klienten langfristig mehr Selbstbestimmung ermöglicht.

Träger, die ähnliche Herausforderungen kennen – manuelle Verwaltung von Verwahrgeld, fehleranfällige Barkassen, hoher Dokumentationsaufwand – finden in diesem Modell einen Ausgangspunkt. Nicht als fertige Blaupause zum Kopieren, aber als Beleg dafür: Es geht. Auch mit begrenzten Ressourcen. Auch im laufenden Betrieb.